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Der Professor, der Juristisch auf Deutsch übersetzt

INTERVIEW mit Prof. Roland Schimmel über die Zukunft der Juristenausbildung, den Zugang zum Recht für Laien und seine persönlichen Wünsche für eine bessere Rechtslandschaft.

 

 

LL: Lieber Herr Prof. Schimmel, stellen Sie sich unseren Leser:innen bitte kurz vor?

 

Schimmel: Mein Name ist Roland Schimmel und ich arbeite hauptberuflich als Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences, im Fachbereich Wirtschaft und Recht. Ich unterrichte Wirtschaftsrecht mit Kursen im bürgerlichen Recht sowie vielen Nebenfachkursen für Studierende der Betriebswirtschaft und ähnlichen Studiengängen. Seit mittlerweile 15 Jahren bin ich in dieser Position tätig, nachdem ich zuvor als Rechtsanwalt in Frankfurt gearbeitet habe. Ich war damals Teil von zwei Anwaltsbüros, die – gemessen an den großen internationalen Häusern – noch recht klein waren, mit jeweils 3, 4 oder 5 Berufsträgern. In meiner Anwaltszeit lag mein Fokus hauptsächlich auf privatrechtlichen und gelegentlich arbeitsrechtlichen Mandaten. Ich war etwa 12 Jahre lang in dieser Branche tätig, bevor ich Hochschullehrer wurde.

 

 

„Die Verständlichkeit von rechtlichen Texten trägt zur Qualität eines Rechtsstaats bei. Wenn Bürger, ohne ein juristisches Studium absolviert zu haben, den Sinn dieser Texte verstehen können, führt das zu einem höheren Vertrauen in den Rechtsstaat.“

 

 

LL: Sie haben nebenbei auch einige Bücher geschrieben, eines davon „Juristendeutsch?“, in dem Sie praktische Übungen und Tipps für bessere Texte geben. Es ist ziemlich ungewöhnlich für einen Rechtsprofessor, solche Ratschläge zu geben und darauf hinzuweisen, dass juristische Texte einfacher und verständlicher gestaltet werden können. Was hat Sie dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

 

Schimmel: Die ursprüngliche Idee war, eine kommentierte Sammlung authentischer Sätze aus Abschlussarbeiten zu erstellen, um den künftigen Absolventen zu zeigen, wo etwas sprachlich schieflaufen kann. Doch dann dachte ich: „Es wäre nicht fair, die Verfasser bloßzustellen, selbst wenn es anonym geschieht.“ Also entschied ich mich dazu, schlechte Beispiele aus Urteilen, Gesetzen und Fachzeitschriften zu verwenden – also Texte von erfahrenen Juristen, die genug Zeit gehabt hätten, sie zu überarbeiten.

 

Ursprünglich hatte ich etwa 180 Beispiele, aber in der zweiten Auflage waren es bereits 250, mittlerweile sind es 400. Diese habe ich thematisch sortiert und in Lerneinheiten unterteilt, um typische sprachliche Probleme zu verdeutlichen: Zu lange Sätze, unverständliche Terminologie, hohe Fremdwortdichte und juristische Passivformulierungen, die das Gesamtverständnis erschweren.

 

Ich wollte den Lesern etwas bieten, mit dem sie arbeiten und üben können. Nachdem sie sich intensiv mit dem Buch auseinandergesetzt haben, sollen sie in der Lage sein, ihre Schreibweise zu verbessern – wenn sie denn wollen.

 

 

„Juristen sollten darum bemüht sein, verständlich zu sprechen und zu schreiben, besonders wenn sie mit Laien kommunizieren.“

 

 

LL: Warum halten Sie es für so wichtig, mehr Einfachheit und weniger Fachbegriffe in juristische Texte einzubringen? Welche Vorteile sehen Sie darin?

 

Schimmel: Ich möchte das auf zwei Punkte herunterbrechen. Erstens gibt es juristische Fachtexte, bei denen sich der Autor keine Gedanken über die Verständlichkeit machen muss, weil der Leser gezwungen ist, sie zu lesen. Das gilt zum Beispiel für Gesetze oder Urteile, die oft von juristischen Profis für Laien übersetzt werden müssen. Idealerweise sollte uns die Verständlichkeit dieser Texte jedoch nicht egal sein. Die Verständlichkeit von rechtlichen Texten trägt nämlich zur Qualität eines Rechtsstaats bei. Wenn Bürger, ohne ein juristisches Studium absolviert zu haben, den Sinn dieser Texte verstehen können, führt das zu einem höheren Vertrauen in den Rechtsstaat. Wenn das dauerhaft nicht gelingt, kann dieses Vertrauen schwinden, was man nicht unterschätzen sollte, insbesondere in Zeiten wie diesen.

 

Zweitens gibt es Situationen, in denen Juristen von vornherein für Laien schreiben, weil sie mit diesen ihr Geld verdienen – sei es für Mandanten, Kunden oder Arbeitgeber. Manchmal sind es Freunde oder Familienmitglieder, die Ratschläge suchen. Wenn jemand Geld für Ihre Dienstleistungen ausgibt und nicht versteht, was Sie sagen oder schreiben, dann läuft etwas schief. Beim nächsten Mal wird derjenige sein Geld sparen oder es jemand anderem geben. Juristen sollten also darum bemüht sein, verständlich zu sprechen und zu schreiben, besonders wenn sie mit Laien kommunizieren.

 

 

LL: Unabhängig vom Geld gibt es im Bürgerlichen Recht viele AGBs, die sehr unverständlich sind. Es besteht das Vorurteil, dass sie absichtlich kompliziert geschrieben sind, damit sie nicht verstanden werden. Was denken Sie darüber?

 

Schimmel: Ich glaube, dass das zutreffen kann. Zwar kann ich das nicht mit wissenschaftlichen Untersuchungen belegen, aber die Vermutung liegt nahe. Wenn man sich den Umfang von AGBs in alltäglichen Geschäften wie Girokonten oder Fitnessstudios anschaut, stellt man fest, dass sie oft sehr umfangreich sind. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit das Lesen eines solchen Textes in Anspruch nimmt, könnte man vermuten, dass der Verfasser gar nicht möchte, dass der Text gelesen und verstanden wird. Wenn der Text dann auch noch schwer verständlich und komplex strukturiert ist, bestätigt das diese Annahme noch weiter.

 

Es kann also gute Gründe dafür geben, dass eine Partei – typischerweise der AGB-Verwender – AGB absichtlich schwer verständlich und schwer lesbar gestaltet. Auf diese Weise kann sie im Falle eines späteren Konflikts von diesen Bedingungen profitieren, sofern die AGB wirksam sind und nicht gegen das Transparenzgebot verstoßen. Ob das allerdings eine gute Werbung für den AGB-Verwender ist, steht auf einem anderen Blatt.

 

 

„Es ist immer ein Balanceakt zwischen maximaler Verständlichkeit für Laien und präziser Kommunikation unter Juristen.“

 

 

LL: Sie haben erwähnt, dass komplizierte AGB keine gute Werbung für den AGB-Verwender sind und sprechen von Transparenzgrundsätzen. Viele haben die Sorge, dass verständlichere oder transparentere Texte rechtlich unsicherer sind. Wie ist Ihre Meinung dazu?

 

Schimmel: Das hängt von einigen Faktoren ab. Wenn man die Verständlichkeit eines Rechtstextes – AGB, Urteil, Gesetz oder Verordnung – so weit treibt, dass ihn sogar ein 6 Jahre altes Kind verstehen kann, hat man es vermutlich übertrieben und die juristische Fachsprache aufgegeben. Juristen müssen alltagssprachlich anschlussfähig sein, aber auch fachsprachlich präzise bleiben, um in ihrer Wissenschaft Erkenntnisgewinne zu erzielen und untereinander effizient zu kommunizieren.

 

Es ist immer ein Balanceakt zwischen maximaler Verständlichkeit für Laien und präziser Kommunikation unter Juristen. Mein Ansatz wäre, erwachsene Menschen mit durchschnittlichem IQ nicht zu überfordern, indem man bereit ist, Fachtermini zu erklären, sei es durch Fußnoten, Links oder direkt im Text. Man kann juristischen Laien zumuten, gelegentlich einen Blick ins Gesetz zu werfen und sich auf Fachterminologie einzulassen, solange man bereit ist, sie zu erklären.

 

 

„Man kann juristischen Laien zumuten, gelegentlich einen Blick ins Gesetz zu werfen und sich auf Fachterminologie einzulassen, solange man bereit ist, sie zu erklären.“

 

 

Unabhängig davon, ob es sich um Bürgerliches Recht oder Arzneimittelzulassung handelt, ist es oft für Juristen selbst unbekanntes Terrain, wenn sie nicht spezialisiert sind. Idealerweise sollte man im Studium mehr Wert auf diese Fähigkeit legen, um das Bewusstsein für erfolgreiche Kommunikation in verschiedenen Rollen zu schärfen. Universitäten tun das bisher eher beiläufig, da der Stoffkanon viele andere wichtige Fragen enthält. Vielleicht sollten wir jedoch mehr in dieser Richtung unternehmen.

 

 

LL: Eines Ihrer Werke lautet „Warum man lieber nicht Jura studieren sollte“. Welche Gründe sprechen denn gegen ein Jurastudium?

 

Schimmel: Die Frage ist etwas gemein, denn beim Lesen des Buches stellt man schnell fest, dass die Autoren – mittlerweile sechs Volljuristen – tatsächlich eher ein kleines Plädoyer für das Jurastudium vorlegen. Der provokante Titel aber dient nicht nur als Eyecatcher, sondern hat auch einen ernsten Hintergrund. Wir alle haben das Studium und die damit verbundenen Prüfungen hinter uns und sind in unseren Berufen halbwegs glücklich.

 

Allerdings gibt es auch Menschen, die sich unter dem Studium und den Berufsfeldern etwas anderes vorstellen, oft inspiriert von amerikanischen Anwaltsserien. Manche träumen vielleicht davon, erfolgreiche, stylische und rhetorisch brilliante Anwälte zu sein, verfügen jedoch nur teilweise über die erforderlichen Talente und sind nicht bereit, den nötigen Fleiß dafür aufzubringen. Die sollten also tatsächlich lieber nicht Jura studieren.

 

Mit dem Buch versuchen wir, das Thema mit einem Lächeln auf den Lippen, aber dennoch ernsthaft anzugehen. Wir möchten warnen und zugleich ermutigen. Wer fünf Semester seines Lebens in ein Jurastudium investiert und dann feststellt, dass es ihm keinen Spaß macht, hat möglicherweise wertvolle Zeit verloren. Unser Ziel ist es, die Leser dazu anzuregen, sich gründlich mit der Entscheidung für oder gegen ein Jurastudium auseinanderzusetzen.

 

 

LL: Welche drei Top-Eigenschaften sollte Ihrer Meinung nach jeder Jurist oder jede Juristin besitzen?

 

Schimmel:

  • Textaffinität: Juristen sollten in der Lage sein, viel zu lesen, sich auf längere Texte zu konzentrieren und diese kompetent zu verstehen und zu interpretieren. Gleichzeitig müssen sie bereit sein, selbst Texte zu schreiben und gegebenenfalls mehrfach zu überarbeiten, bis sie gut genug sind, um von anderen verarbeitet werden zu können.
  • Interesse an Konflikten: Juristen sollten sich für Konflikte interessieren, da sie häufig in solchen Situationen arbeiten. Ob als Anwalt, Richter, Schiedsrichter, Schlichter oder in anderen Rollen ist es wichtig, dass sie nicht zu harmoniebedürftig sind und bereit sind, sich mit Konflikten auseinanderzusetzen.
  • Marathon-Tugenden: Juristen sollten Frustrationstoleranz und Nehmerqualitäten besitzen, da das juristische Studium und die anschließenden Examen oft langwierig und herausfordernd sein können. Das ist leider nicht zu unterschätzen.

 

 

LL: Sie sprachen über die Zukunft der juristischen Ausbildung und Ihren persönlichen Wünschen in Ihrem Beruf. Welche drei Wünsche hätten Sie für die juristische Welt und Ihre eigene Arbeit?

 

Schimmel:

  • Reform der Juristenausbildung: Ich wünsche mir eine grundlegende Reform der Juristenausbildung, insbesondere in Bezug auf Prüfungen. Dazu gehört eine Revision und Reduktion des Stoffkanons, der Prüfungsformate und der strengen Regeln, die viele Studierende im ersten Anlauf scheitern lassen. Ich glaube, dass wir andere Talente fördern und unseren Fokus erweitern könnten, um bessere Juristen auszubilden.
  • Rechtsunterricht an Schulen: Rechtsunterricht an weiterführenden Schulen fände ich fein. Obwohl ich verstehe, dass dies aufgrund der vollen Lehrpläne schwierig ist, glaube ich, dass es wichtig ist, Schülerinnen und Schülern ein grundlegendes Verständnis von Recht und Wirtschaft zu vermitteln.
  • Erfolgserlebnisse als Lehrender: Ich würde gerne mal wieder einen Satz Klausuren auf den Tisch bekommen, bei dem alle Studierenden bestehen. Auch wenn das den Weltfrieden nicht rettet, hätte es etwas mit meinen Erfolgserlebnissen als Lehrender zu tun. Solche Momente sind selten, aber sie machen mich glücklich.

 

 

„Wenn Juristen diese Demut bewahren und Laien auf Augenhöhe begegnen, anstatt von oben herab, könnten sie dazu beitragen, den Zugang zum Recht für Laien zu verbessern.“

 

 

LL: Was müsste sich in den Köpfen der Juristen ändern, um den Zugang zum Recht für Laien zu verbessern?

 

Schimmel: Ich weiß zwar nicht so genau, wie man das hinkriegt, aber ich würde mich freuen über eine Portion Demut in den Köpfen und Herzen der juristischen Kollegen. Diese Demut sollte sich darauf beziehen, dass sie sich an ihre eigene Anfangszeit erinnern, als sie noch nichts über das Recht wussten und dankbar für jede Hilfe und Erklärung waren. Wenn Juristen diese Demut bewahren und Laien auf Augenhöhe begegnen, anstatt von oben herab, könnten sie dazu beitragen, den Zugang zum Recht für Laien zu verbessern. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass jeder einmal ein Anfänger war und dass das Verständnis der Rechtsnormen und -sprache für Laien genauso schwierig sein kann wie für sie selbst am Anfang ihrer Ausbildung.

 

 

LL: Es war uns eine Freude, mit Ihnen zu sprechen, Herr Schimmel. Vielen Dank für Ihre Zeit und das aufregende Interview!

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