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BEHÖRDEN – MAN MUSS SIE EINFACH LIEBEN!

Wären Behörden Tiere, wären sie vermutlich Pinguine. Sie wirken irgendwie immer etwas unbeholfen, tollpatschig, watscheln langsam vor sich her, tragen Anzüge und im Vergleich zu Anderen fragt man sich, was sie denn überhaupt so wirklich gut können.

 

Betrachtet man es auf diese Weise, müsste man eigentlich annehmen, dass es diese Spezies nach unzähligen Jahren Evolution und Weiterentwicklung gar nicht mehr geben dürfte. Doch irgendwie hält sie sich hartnäckig und ist – wenn wir mal ehrlich sind – dazu auch noch recht süß, lustig und echt unterhaltsam mitanzusehen.

 

Man möchte ihnen manchmal gerne über ihr kleines Köpfchen streicheln und einfach mal knuddeln. Irgendwie würden sie schon fehlen, wenn es sie nicht gäbe, oder? Irgendwas müssen sie ja also richtig machen. Doch was? Schauen wir uns das mal genauer an:

 

Innovations- und Diskussionskultur

Man kann über Behörden sagen, was man will, aber eines muss man ihnen lassen:

 

Sie weisen einen Grad an Resilienz auf, bei dem jeder buddhistische Mönch vor Neid erblassen würde! Man müsste eigentlich meinen, dass heutzutage niemand mehr sämtlicher Technologie, Wirtschaftlichkeit, Zielgruppenorientierung und Diversität aus dem Weg gehen kann. Behörden schaffen das jedoch par Excellence! Wie machen die das nur? Ich habe mich mal umgehört und recherchiert. Die Lösung dazu ist so einfach wie auch genial, kann von allen Beamt:innen gleichermaßen gut umgesetzt werden und einig ist man sich intern darüber auch noch. Die Zauberformel lautet: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – BÄM! Alle Argumente vom Tisch, Diskussion beendet, schallender Applaus, erst mal Mittagspause.

 

Arbeitsbedingungen

Google, Netflix & Co. haben mittlerweile verstanden, dass sich Mitarbeiter:innen im Unternehmen wohlfühlen müssen und spielen sich regelrecht damit auf, welche ach-so-tollen Arbeitsbedingungen sie ihnen dazu bieten. Aber haben die eigentlich schon mal einen Blick in unsere deutschen Behörden geworfen? Ich glaube nicht! Was diese „innovativen US-Unternehmen“ ihren Mitarbeiter:innen in puncto Work-Life-Balance, Fehlerkultur und Co. erst gelernt haben, meistern unsere öffentlich-rechtlichen Arbeitgeber schon seit Jahrzehnten!

 

Viele Unternehmen glauben ja, sie seien nun ganz modern, wenn sie interne Psycholog:innen einstellen, zu denen die Mitarbeiter:innen gehen können, sobald sie Probleme haben. In Behörden gibt’s die schon immer und zwar in jeder Abteilung – nämlich die Gabi an der Rezeption, der Klaus vom Brandschutz oder die Ute aus dem Sekretariat. Die hören dir jederzeit stundenlang zu, lassen sich währenddessen von nichts abhalten, recherchieren ggf. auch mal nach tollen Schokokuchen für dein persönliches Well-Being und fragen sicherheitshalber sogar am nächsten Tag nochmal nach, ob es dir wieder besser geht und ob es was Neues gibt.

 



 

 

Eine Behörde ist wie die iCloud: Man muss nicht verstehen, wie sie genau funktioniert, man muss einfach nur akzeptieren, dass es sie gibt und mit ihr arbeiten.

 

Doch Prävention ist natürlich besser als Reaktion – das wissen Behörden selbstverständlich und tun daher alles dafür, dass man erst gar keinem Stress ausgesetzt wird. Wo Berliner Tech-StartUps gerade einmal ein paar Liegen für den kleinen Nap in der Pause einrichten, besteht so ein Amt quasi aus Schlafgelegenheiten. Hier wird man nicht geweckt, wenn die Mittagspause vorbei ist, sondern wenn sie beginnt. Zudem ist man hier auch viel kulanter, was Urlaub betrifft und muss nicht etwa erst warten, bis weniger los ist. Sobald Beamt:innen vor lauter Stress gar nicht mehr wissen, wo sie anfangen oder weitermachen sollen, schnappen sie sich einfach nen Kaffee, tänzeln im Hoppsalauf nach Hause, summen dabei „Celebration“ von Kool & The Gang und machen erst mal 5 Wochen Urlaub auf den Bahamas.

 

So ein Brief vom Finanzamt am Morgen bringt Kummer und Sorgen, nen mittelschweren Herzinfarkt und einen Instant-Herpes-Ausschlag am ganzen Körper (…)

 

Es mag vielleicht sein, dass moderne US-Tech-Unternehmen die cooleren After-Work-Partys schmeißen, aber der entscheidende Unterschied besteht darin, dass das in deutschen Behörden überhaupt nicht erst nötig ist. Für Teambuilding-Maßnahmen ist die Zeit zwischen 09:00 und 11:30 Uhr fest eingeplant. Da trinkt man gemeinsam Kaffee, isst Geburtstagskuchen (irgendjemand hat immer Geburtstag), bespricht, wer heute welche Aufgaben für wen liegen lässt und stimmt darüber ab, dass man nun doch kein Aquarium für’s Büro möchte, weil es zu viel Unruhe hineinbringen könnte. Und für die tägliche Portion Spaß ist auch gesorgt! Das übernimmt Dieter mit seinen Witzchen, indem er z.B. Azubine Lisa dazu auffordert, die Taschentücher wegzupacken, weil da „Tempo“ draufsteht oder auf die Frage „Was ist denn heute für ein Tag?“ mit „Bergfest!“ antwortet.

 

Ein weiteres Vorbild sind Behörden vor allem in ihrer Fehlerkultur…

 

Diese steht hier nicht nur in irgendeinem Verhaltenskodex auf einem Blatt Papier, sondern wird aktiv gelebt und ist sogar bis in die letzten Unternehmensstrukturen hinein fest verwurzelt. In einer Behörde fallen Fehler entweder gar nicht erst auf, sie werden erfolgreich weg-ignoriert und im Zweifel war’s halt einfach keiner, der Verantwortliche ist gerade im Urlaub oder schon im Feierabend. Hier hält man noch zusammen und sorgt so gemeinsam dafür, dass sich wirklich niemand schlecht fühlen muss.

 

Kommunikation

Jede:r von uns weiß, wie anstrengend und schwierig es sein kann, Briefe oder E-Mails möglichst nett und freundlich zu formulieren. Behörden wissen, dass das eine Zumutung darstellt und haben auch dieses Problem auf beeindruckende Art und Weise gelöst:

 

Angenommen, du füllst schweißgebadet, mit einem 8-köpfigen Beraterstab über 4 Tage hinweg ein 137 seitiges Formular für das Finanzamt aus, und vergisst dabei eine einzige Zeile…

 

Normale Unternehmen würden ungefähr so etwas schreiben wie: „Hey! Danke, dass du das so schnell und so toll hinbekommen hast! Wir hätten da allerdings noch eine kleine Bitte an dich: Du hast auf Seite 7 in der dritten Spalte etwas vergessen einzutragen, das war sicherlich nur ein Versehen! Passiert vielen. Es wäre toll, wenn du uns das noch nachreichen könntest. Falls du noch Fragen dazu haben solltest, melde dich gerne bei uns! Einen tollen Wochenstart und beste Grüße.“ Nicht so das Finanzamt. Das spart mühselige Freundlichkeit, Nerven und Zeit ein und kommt einfach schon direkt in der Überschrift zum Punkt: „ANDROHUNG VON ZWANGSGELD IN HÖHE VON BIS ZU 25.000 EURO GEM. § 1234 ABGABENORDNUNG!!!“

 

Joa. So ein Brief vom Finanzamt am Morgen bringt Kummer und Sorgen, nen mittelschweren Herzinfarkt und einen Instant-Herpes-Ausschlag am ganzen Körper, noch bevor man überhaupt seinen ersten Kaffee verdauen konnte.

 

Eigentlich wollte ich hier aber nicht nur die grandios durchdachte, pragmatische und beneidenswert unbesorgte Kommunikation zwischen Ämtern und den Bürger:innen ansprechen, sondern auch die Kommunikation (festhalten!) verschiedener Behörden untereinander. Mir fiel dann aber recht schnell auf: Die gibt es gar nicht. Was? Du bist umgezogen? Egal, hier 12 Briefe zur Erinnerung an deine Steuerklärung von allen Finanzämtern, in deren entfernten Umkreis du in den letzten 7 Jahren gewohnt hast!

 

Organisation

Wie genau eine deutsche Behörde organisiert ist, wie ihre Prozesse miteinander zusammenhängen und vor allem, wer denn jetzt endlich mal für ein bestimmtes Problem zuständig ist, ist wohl eines der am besten gehütetsten Geheimnisse in der Geschichte der Menschheit. Da ist man bei den Cheops-Pyramiden, Stonehenge, den Illuminati und 9/11 schon um einiges weiter. Niemand, aber auch wirklich niemand kann dir erklären, wie so ein Amt überhaupt funktioniert – nicht einmal diejenigen, die selbst dort arbeiten.

 

Ich befürchte, wir müssen das einfach so hinnehmen und sollten es der Grenzen unseres Verstandes zuliebe auch nicht weiter hinterfragen. Eine Behörde ist wie die iCloud: Man muss nicht verstehen, wie sie genau funktioniert, man muss einfach nur akzeptieren, dass es sie gibt und mit ihr arbeiten.

 

Der homo beamtus – eine hochentwickelte Spezies

Auch wenn es erst einmal von außen so scheint, als wären Pinguine irgendwie überall total fehl am Platz und könnten nichts außer niedlich zu sein, sind sie – eingesetzt am richtigen Ort – die energieeffizientesten Lebewesen auf diesem Planeten. Genauso ist das bei dem menschlichen Pendant zu ihnen. Der weiterentwickelte Homo sapiens sapiens nennt sich Homo Beamtus. Und steckt man ihn in seinen natürlichen Lebensraum – nämlich in eine deutsche Behörde – ist er wirklich ausgesprochen energieeffizient. Zu verdanken haben wir diese Spezies dem wohl besten und gleichzeitig unterschätztesten Arbeitgeber namens „Bundesrepublik Deutschland“. Bei Beamt:innen handelt es sich entgegen ihrem Ruf also nicht etwa um die Karawane des Grauens, sondern um eine hochentwickelte Maschinerie an durchdachten Prozessen und A-Playern, die damit allerdings wesentlich bescheidener umgehen als moderne US-Tech-Unternehmen. Wozu Google im Lebenslauf, wenn es auch das Finanzamt Borken sein könnte?

 

Und wie immer gilt: Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, meine lieben Beamten und Beamtinnen 😉

Kolumne Anna_white

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