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Wenn Juristen doch nur wüssten,

… dass „Tote lügen nicht“ nicht die ganze Wahrheit ist.

Christoph Birngruber ist Rechtsmediziner in Frankfurt am Main und als Sachverständiger vor Gericht tätig.

„Der Pathologe weiß alles … aber zu spät“ ist ein in Medizinerkreisen weitverbreitetes Sprichwort. Auf mich trifft das allerdings nicht zu, denn ich bin Rechtsmediziner – und eben kein Pathologe.

Du fragst dich sicher, was der Unterschied ist. Ganz einfach: Pathologen sind sozusagen die „Detektive der Krankheiten“. Sie arbeiten eng mit anderen Ärzten zusammen und unterstützen diese bei der Behandlung ihrer Patienten. Der Blick durchs Mikroskop auf herausoperierte Leberflecke, Organproben oder Tumore erlaubt ihnen, zu entschlüsseln, welche Krankheit vorliegt, und wie diese am besten therapiert werden kann. So helfen sie den klinisch tätigen, behandelnden Ärzten dabei, Patienten zu heilen.

Wir Rechtsmediziner dagegen wirken selten bei der Behandlung von Patienten mit. Wenn wir bei klinischen Untersuchungen von Patienten oder Obduktionen von Verstorbenen eine Verletzung feststellen, dann liegt unsere Aufgabe nicht in der Behandlung, sondern in der Beantwortung der Frage, was diese Verletzung hervorgerufen hat. Oder haben könnte. Wir wenden medizinisches und naturwissenschaftliches Wissen an, um knifflige Fragen im Rechtsbereich zu klären. Für die Betroffenen und im Interesse des Rechtsstaates. Spannender als ein Krimi – und in echt!

Doch auch, wenn der Job eines Rechtsmediziners einem Krimi nahekommt, bin ich weit davon entfernt, alles besser zu wissen – wie Professor Börne. In der Welt der Rechtsmedizin gibt es das romantisierende Bild, wir würden „die Toten verstehen“, ihnen „zuhören, wenn sie sprechen“, und seien „dem Tod auf der Spur“. Doch die Realität ist komplexer, und genau hier liegt meine tägliche Herausforderung. Ich stehe stets an der Schnittstelle von Medizin und Recht und muss medizinisches Wissen so anwenden, dass es dem Nichtmediziner verständlich ist und im rechtlichen Kontext Sinn ergibt. Die Bürde der fehlenden Allwissenheit ist also eigentlich die Kunst, aus einem enormen Pool an Informationen die relevanten Details herauszufiltern und sie entsprechend zu deuten.

Die Realität ist oft weit weniger eindeutig und erfordert eine breitere Palette an Kenntnissen und Fähigkeiten, die über das bloße Sezieren hinausgehen.

Das wird besonders spannend, wenn das eigene Berufsverständnis auf die durch Medien und soziale Netzwerke geschaffenen Erwartungshaltungen trifft. Ja, auch bei Juristen. Warum kann ich nicht immer sofort nach der Obduktion sagen, was vorgefallen ist? Todeszeit? Todesursache? Todesumstände? Kausalität? Weil der Beruf zwar so spannend sein mag wie im Krimi, aber die Realität eben nicht so einfach ist wie im Fernsehen. „Tote lügen nicht“, aber die Interpretation der Fakten stellt uns Rechtsmediziner im Einzelfall immer wieder vor Herausforderungen.

Vielleicht liegt es daran, dass das, was man in populären Medien sieht, nur die Spitze des Eisbergs ist. Klar, die „spektakulärsten, unglaublichsten und spannendsten Fälle der Rechtsmedizin“ sorgen für Gänsehaut und fesseln die Leser. Aber sie stellen nur ein schmales, wenn auch faszinierendes, Spektrum dieses vielschichtigen Berufs dar. Und das berühmte „Mehr nach der Obduktion“ aus dem ARD-Tatort? Es steht nicht für „Alles nach der Obduktion“. Die Realität ist oft weit weniger eindeutig und erfordert eine breitere Palette an Kenntnissen und Fähigkeiten, die über das bloße Sezieren hinausgehen. Doch genau diese Rätsel zu lösen, ist es, was meine Arbeit so unheimlich faszinierend macht.

Sachverhalte werden nicht nur untersucht und Befunde erhoben, sondern diese auch im Kontext eines größeren Bildes interpretiert. Und immer gilt: Objektivität und Offenheit stehen an erster Stelle, denn es geht nicht um Meinungen, sondern um nachprüfbare Fakten und wissenschaftliche Expertise. Wir bedienen uns hochmoderner wissenschaftlicher Methoden, analysieren bekannte Studien und führen eigene Experimente durch, wenn die Datenlage unsicher ist. Und doch: Absolutheit ist ein Fremdwort in unserem Fach. Wenn du – so ein Sprichwort aus der Allgemeinmedizin – Hufgetrappel hörst, denkst du zunächst an Pferde und nicht an Zebras. Das heißt, wir denken zunächst an das Wahrscheinliche, nicht das Exotische. Vollständige Gewissheit? Das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Ob im Zoo die Tür offenstand, muss das Ermittlerteam klären.

„Tote lügen nicht“, aber die Interpretation der Fakten stellt uns Rechtsmediziner im Einzelfall immer wieder vor Herausforderungen.

Also liebe Juristen, erwartet nicht ein silbernes Tablett voller einfacher Antworten. Was wir bieten können, sind gut begründete, wissenschaftliche Einschätzungen, die euch dabei helfen, die Wahrheit herauszufinden. Nur schwarz-weiß gibt es bei uns selten. Das Leben ist bunt – und die Rechtsmedizin auch. Seid euch dessen bewusst, wenn ihr das nächste Mal bei Gericht einem Sachverständigen aus der Rechtsmedizin lauscht.

Wir müssen oft komplexe medizinische Befunde und Sachverhalte in eine für alle verständliche Sprache übersetzen. Eine einfache, gleichermaßen präzise und facettenreiche Kommunikation ist daher entscheidend, um Missverständnisse zu vermeiden und den Anforderungen des Einzelfalls gerecht zu werden. Die juristische Fachsprache und unser medizinischer Jargon sind nicht immer auf Anhieb kompatibel. Unsere Gutachten können Hypothesen stützen oder entkräften; sie können allerdings auch offen für mehrere Interpretationen sein, wenn die Sachlage dies erfordert. Wir arbeiten objektiv und mit dem Ziel, für die Wahrheitsfindung das in unserem Kompetenzbereich liegende Puzzleteil beizusteuern. Das heißt nicht, dass alle Beteiligten mit einem Gutachten zufrieden sein werden.

Die Kunst in unserer Arbeit liegt also darin, unsere Expertise unabhängig, gewissenhaft und verantwortungsbewusst einzusetzen. Wir müssen wissen, was wir nicht wissen. Unser Beruf erfordert nicht nur die Anwendung rechtsmedizinischer Expertise, sondern auch die Integration von Expertenwissen aus anderen (medizinischen) Bereichen, wenn es der Fall erfordert. Daher, liebe Juristen, erwartet keine Wunder, aber erwartet sorgfältig erstellte, wissenschaftlich fundierte Gutachten, die euch dabei helfen, das Puzzle der Wahrheit zusammenzusetzen.

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