WENIGER DENKEN, MEHR MACHEN

 

„Weniger denken, mehr machen“ ist die Aussage, die mit Abstand am häufigsten hervorgehoben wird, wenn ich Interviews gebe. Da gebe ich mir immer so viel Mühe, möglichst viele fancy Sätze zu formulieren, die als Zitat taugen könnten und immer wieder wird aber genau diese Aussage gewählt. Und jedes Mal frage ich mich erneut: Warum?

 

Was ist denn an diesem Sätzchen bitte so besonders, dass es all meine anderen, mühsam formulierten Steilvorlagen für Zitate verdrängt? Genau das habe ich eine Freundin von mir gefragt und sie sagte: „Ja klar ist diese Aussage an sich kein Meisterwerk, aber eben das, was damit gemeint ist.“ – Und damit hat sie recht.

 

Paradoxerweise ist es so viel schwieriger, mal weniger zu denken als sich über alles den Kopf zu zerbrechen. Zumindest im Business-Kontext. Irgendwie habe ich sogar das Gefühl, es ist beinahe schon verpönt, einfach mal zu machen. Ständig wird einem suggeriert, man müsste direkt mit der Idee einen durchdachten 5-Jahres-Business-Plan abliefern, sich noch fünfzehn neue Fähigkeiten aneignen, zwei neue Fremdsprachen lernen (Mandarin wünschenswert), ein halbes Jahr in Australien Work and Travel machen, ehrenamtlich Straßenhunde auf Fuerteventura retten, einen Mindset-Coach anheuern und ganz wichtig: gründlich den Markt analysieren. Alles nur, um dann festzustellen, dass es noch hundert andere gibt, die das ja alles sowieso viel besser machen, als man es selbst jemals tun könnte.

 

Es gibt dann drei verschiedene Personengruppen: Die erste fängt erst gar nicht an, wenn sie nur daran denkt, was alles auf sie zukommen würde. Die zweite hat schon während der Vorbereitungsphase ein Burnout und ihre ganze Motivation für die Umsetzung verloren. Und die dritte (und zu der gehörte ich) stellt dann während und nach der Umsetzung fest, dass man sich die ganze Vorbereitung eigentlich hätte sparen können, weil man trotzdem nie gut genug auf alles vorbereitet ist. Es passieren einfach permanent irgendwelche Dinge, die man unter all den anderen 53.983 Szenarien tatsächlich nicht bedacht hatte und zudem stößt man gefühlt mehrmals täglich an die Grenzen seiner Fähigkeiten und seines Wissens – trotz der ganzen trockenen Bücher und schlauen Seminare, die man sich zuvor in sein ohnehin schon überlastetes Gehirn gepresst hat.

 

Perfektion und Entwicklung passen einfach nicht zusammen. Von einem der beiden muss man sich verabschieden.

 

Ja, Willkommen in der Realität. Für Perfektion ist hier leider kein Platz. Ich selbst habe ganz am Anfang meiner Selbstständigkeit dagesessen und nicht nur Tage, sondern Wochen und Monate (und seeeehr viele Nerven) in die Vorbereitung gesteckt. Irgendwann habe ich mir das dann so angesehen und dachte mir: „Wow, Anna. Okay, du hast es wirklich geschafft. Jetzt ist’s perfekt.“ – und das war es auch. Genau 1,5 Wochen lang. Perfektion und Entwicklung passen einfach nicht zusammen. Von einem der beiden muss man sich verabschieden.

 

Es nützt einfach nichts, alles von Beginn an zu zerdenken und zu zerplanen. Nicht nur, weil man am Anfang meist auch noch gar nicht die Vorstellungskraft besitzt, was alles passieren kann oder wohin man sich entwickeln wird, sondern auch, weil darunter die Leidenschaft und Flexibilität leidet, die man mehr braucht, als man sich vorstellen kann. Versteht mich aber bitte nicht falsch: Ich möchte damit jetzt auch nicht sagen, dass man gar keinen Plan braucht und sich blind in größenwahnsinnige Dinge stürzen sollte. Ganz so einfach ist es auch nicht.

 

Ich möchte das mal anhand einer Autofahrt erklären: Stellen wir uns vor, wir wollen mit dem Auto von A nach B fahren. Sitzen wir da zuhause und gehen in unserem Kopf die komplette Strecke bildlich durch und überlegen uns, wo etwas passieren könnte und wie wir damit umgehen würden? Nein, natürlich nicht. Wir setzen uns ins Auto, schalten unser Navi an und fahren einfach los. Man sieht auch nie die ganze Strecke vor sich, sondern immer nur die nächsten paar Meter. Aber das reicht auch völlig, um seinem Ziel immer näherzukommen. Natürlich kann es bis dorthin auch mal passieren, dass man vielleicht mal im Stau steht oder dass man einen Umweg nehmen muss. Aber früher oder später kommt man dort an.

 

Okay, lasst uns das nochmal zusammenfassen. Was braucht man hier also alles? Natürlich erst einmal einen Führerschein, ganz klar. Dann noch ein Auto, ein Ziel und ein Navi. Der Führerschein ist die Grundvoraussetzung, das ist z.B. unsere Ausbildung, die uns erlaubt, irgendetwas zu tun. Das Ziel ist der Sinn der ganzen Reise. Wohin soll’s denn eigentlich gehen? Und sollte man vielleicht noch ein paar Zwischenziele mit einplanen, damit die Fahrt nicht zu anstrengend wird? Also so komplett ohne Plan geht’s dann natürlich auch nicht… Das Auto ist schließlich das „womit“, also unsere Fähigkeiten, mit denen wir uns fortbewegen können und die uns an unser Ziel bringen sollen. Selbstverständlich muss man sich um so ein Auto auch kümmern und es instand halten, damit es weiterhin funktionsfähig bleibt und fahren kann. Und je weiter weg das Ziel ist, desto schlauer wäre es natürlich, sich nicht gerade in eine alte Rostlaube zu setzen, die allein schon vom Anschauen auseinanderfällt. Das meinte ich übrigens vorhin mit diesen „größenwahnsinnigen Dingen“. Kommen wir nun aber endlich zu meinem Liebling: dem Navi. Denn das ist meiner Meinung nach unfassbar wichtig und dennoch scheint es so, als ob viele keins nutzen, einfach drauf losbrettern und sich dann wundern, wenn sie sich verfahren haben. Das Navi gibt uns die nötige Orientierung, es warnt uns, es leitet uns auch mal um und es spricht zu uns. Das Navi ist unser „Wie“, also unsere Werte, unsere Einstellungen, unsere Intuition und all das, was man eben nicht im Kopf, sondern im Bauch hat.

 

Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, macht das jeweils eine ohne das jeweils andere nur wenig Sinn. Man braucht all diese Dinge in Kombination. Aber all diese Dinge machen überhaupt keinen Sinn, wenn man vor lauter Denken zuhause beschlossen hat, lieber erst gar nicht loszufahren, weil der Weg ja so lang ist und so viel passieren könnte. Das Zauberwort heißt also: Losfahren!

 

Das Losfahren, das Anfangen, das Machen ist der schwierigste und gleichzeitig wichtigste Schritt von allen. Man hat so häufig Angst und macht sich so viele Sorgen darüber, was einen auf dem Weg erwartet, wie man das alles hinbekommen soll und ob man überhaupt gut genug dafür ist. Aber man stelle sich nur vor, wie leer die Straßen wären, wenn jeder Fahranfänger zuhause darauf warten würde, bis er gut genug fahren kann, damit er endlich fahren kann.

 

Der größte Irrglaube ist meiner Meinung nach, zu denken, man müsste in irgendeinem Bereich der oder die Beste sein.

 

Und bei diesen ganzen „(nicht) gut genug“-Dingen krempelt sich bei mir sowieso alles hoch. Der größte Irrglaube ist meiner Meinung nach, zu denken, man müsste in irgendeinem Bereich der oder die Beste sein. Das ist absoluter Quatsch. Ich selbst war z.B. weder in der Schule noch in der Uni irgendwo die Beste – bei Weitem nicht. Und aus mir ist doch noch irgendwie etwas geworden und ich habe meinen Weg gefunden. Aber nicht, weil ich eine einzige, spezifische Materie bis zum Erbrechen gelernt und geübt habe, sondern einfach, weil ich meine ganzen Stärken, Interessen und Talente aus verschiedenen Bereichen irgendwie so zusammengebastelt habe, dass daraus ein einziger Job und ein einziges Tätigkeitsfeld geworden ist. Manchmal muss und darf man auch kreativ werden. Und wenn man sich diese Tätigkeit noch nicht vorstellen kann, dann Glückwunsch, denn das nennt sich dann Innovation. Es kommt also vielmehr auf die individuelle Zusammensetzung der ganzen Fähigkeiten an, als auf die einzelnen Fähigkeiten an sich.

 

Und selbst die kommen und verbessern sich meist von ganz alleine, wenn man sich erlaubt, in Dinge hineinzuwachsen und mit ihnen zu wachsen. Und das wird man auch – einfach, weil man es muss. Klar braucht man für diesen Sprung ins kalte Wasser etwas Selbstvertrauen. Aber das fällt nicht vom Himmel, sondern das muss man sich erarbeiten. Nicht umsonst hat Selbstvertrauen auch das Wörtchen „trauen“ in sich. Ganz am Anfang muss man sich selbst auch einfach mal einen kleinen Vertrauensvorschuss geben und sich eben etwas trauen. Meistens ist das dann auch viel besser, als man es erwartet hätte. Beim nächsten Mal fällt dieses „einfach mal machen“ dann wieder etwas leichter…und wieder…und wieder.

 

Letztendlich ist es mit diesem „weniger denken, mehr machen“ also so: Man kann ohnehin nie vorher wissen, wie der Weg aussehen und was alles auf einen zukommen wird. Und das muss man auch gar nicht. Solange man seinen Führerschein, sein Auto, sein Navi und sein Ziel hat muss man einfach nur einen Meter nach dem nächsten bewältigen. Und hey, selbst wenn ihr mal im Stau stehen solltet und nichts mehr vorangeht, kann man diese Zeit super für irgendetwas anderes nutzen. Und auch so ein Umweg, den man ab und an mal nehmen muss, kann um vieles schöner sein, als die normale Route. Oder wer weiß, vielleicht gefällt euch ein Zwischenziel so gut, dass ihr euer Hauptziel etwas abändert?! Das alles wird man nie erfahren, wenn man nicht „einfach mal macht“ und losfährt. Und wenn ihr irgendetwas brauchen solltet, worüber ihr euch den Kopf zerbrechen könnt, dann denkt doch lieber öfter mal darüber nach, was oder wen ihr mitnehmen könntet, um euch die Fahrt angenehm wie möglich zu gestalten.

 

 

 

 

 

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ROMAN PUSEP Partner, Rechtsanwalt, Fachanwalt für IT-Recht Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht Externer Datenschutzbeauftragter (TÜV-Zertifikat) Coach, Mentor, Experte in StartUp-Anlaufstellen   Ich bin 42, heiße

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