JANA BORODICHIN

JANA BORODICHIN

Rechtsanwältin und Fachanwältin

für Familien- und Verkehrsrecht

Nachdem ich das große Glück hatte, bereits einen Beitrag zur ersten Ausgabe von Legal Layman zu leisten („Der unverschuldete Verkehrsunfall – Was steht dir zu?“), war es mir erneut eine große Ehre, als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, auch für die Rubrik „Die Juristerei & Ich“ zu schreiben. Ich sagte sofort zu und mir fielen direkt 1000 Themen ein. Als ich mich dann für ein konkretes Thema entscheiden musste, wurde mir bewusst, wie schwierig es ist. Gleichzeitig wurde mir klar, dass es vermutlich nur ein einziges Thema geben kann: ein intimes Tête-à-Tête…

 

Und das ist meine Story.

 

Ich denke, es begann schon im Kleinkind-Alter. Es waren ganz bestimmte Momente, an die ich mich bis heute erinnere: Momente der Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit, die ich als etwas ganz Furchtbares empfunden habe.

 

Heute weiß ich, dass Gerechtigkeit nichts Selbstverständliches ist – sie muss immer und immer wieder aufs Neue hart erkämpft werden.

 

Aus heutiger und Erwachsenen-Sicht waren es Kleinigkeiten, für die Welt eines Kindes aber etwas Gigantisches. Ich erinnere mich zum Beispiel an solch eine Situation im Kindergarten: meine Kindergärtnerin bestrafte mich für etwas, das ich nie gemacht hatte. Sie wollte mir nicht zuhören und ich konnte mich nicht behaupten. Sie bestrafte mich, einfach, weil sie es konnte.

 

Der Wunsch, darauf Einfluss zu nehmen, dass bestimmte Situationen, Umstände und Menschen gehört und gerecht beurteilt werden, entwickelte sich also schon relativ früh. Ich muss sieben oder acht gewesen sein, als ich zum ersten Mal meinen Berufswunsch äußerte.

 

Schon kurze Zeit später musste ich als junges Mädchen erfahren, dass Zugang zur Bildung nicht zwangsläufig etwas mit ausgezeichneter schulischer Leistung zu tun hat, sondern – und das ist auch heute noch in ganz vielen Ländern der Fall – sehr stark von den finanziellen Möglichkeiten der Familie abhängt. Umso glücklicher war ich, als ich mit zwölf Jahren nach Deutschland kam. In ein Land, wo Bildung für jedermann zugänglich ist, unabhängig von Herkunft und finanziellen Möglichkeiten. Dazu noch in einen Rechtsstaat, den es vermutlich so, kein zweites Mal gibt.

 

Mit meinem Wunsch und meinen Werten studierte ich an der Universität zu Köln. Als junge Anwältin nahm ich dann zunächst an, das Gericht wird mir in meinen Fällen helfen, mir die richtigen Hinweise erteilen und am Ende des Tages ein gerechtes Urteil fällen.

 

Es wird Verfahren geben, wo das Gericht alles daran setzen wird, dich zu einem Vergleich zu bewegen, obwohl du weißt, dass dein Mandant das Verfahren gewinnen wird. Und dann wird es vielleicht Verfahren geben, in welchen dich das Gericht scharf kritisiert und sogar persönlich angreift.

 

Es dauerte nicht lange und ich kam mit den tatsächlichen Problemen in der Praxis in Berührung: überlastete Gerichte, überlange Verfahrensdauer, fehlende Kompetenzen und eine Verhandlungskultur, die in manchen Verhandlungen zu wünschen übrig ließ. Du begreifst auf einmal, wie viel von dir als Anwalt abhängt. Es ist deine Aufgabe, dem Gericht den Sachverhalt zu erklären, dafür zu sorgen, dass dein Mandant gehört wird, dass Verfahrensgrundsätze strikt eingehalten und Anträge gestellt werden. Unter Umständen wirst du das Gericht auf aktuelle Rechtsprechung hinweisen müssen und musst in der Lage sein, deine Rechtsauffassung zu verteidigen.

 

Es wird Verfahren geben, wo das Gericht alles daran setzen wird, dich zu einem Vergleich zu bewegen, obwohl du weißt, dass dein Mandant das Verfahren gewinnen wird. Und dann wird es vielleicht Verfahren geben, in welchen dich das Gericht scharf kritisiert und sogar persönlich angreift.

 

Und eines Tages musst du anhand deiner eigener Fälle begreifen, dass Rechtsstaat eben auch bedeutet, ein fehlerhaftes/falsches Urteil zu kassieren und es sodann anzufechten. So einfach das auch klingen mag, genau das dem Rechtssuchenden zu erklären, gestaltet sich als schwierig – man stößt auf Unverständnis. Dazu fühlen sich viele Mandanten nach mehreren Monaten oder Jahren in der ersten Instanz überhaupt nicht mehr in der Lage, das Verfahren weiter zu führen. Und wenn dann auch keine Rechtschutzversicherung eintritt, fehlt es dem Rechtssuchenden schlicht und ergreifend am Geld, um das Verfahren weiter zu betreiben. In diesen Momenten begreifst du, dass die Durchsetzung des Rechts nicht nur einen langen Atem voraussetzt, sondern häufig auch eine Frage des Preises ist. Du bist dir sicher, das Verfahren zu gewinnen, dir sind aber die Hände gebunden.

 

Und dann wären da noch die Entscheidungen des Gerichts, die du überhaupt nicht angreifen kannst. Mitunter willkürliche Entscheidungen, es gibt aber keine Rechtsmittel. Ein Zustand der Ohnmacht, fast wie damals im Kindergarten.

 

Man sagt, dass Kinder die Ungerechtigkeit als besonders scharf und bitter empfinden und es sie gravierend prägen kann. Heute weiß ich, dass Gerechtigkeit nichts Selbstverständliches ist – sie muss immer und immer wieder aufs Neue hart erkämpft werden. Als Anwältin kann ich einen wichtigen, womöglich den entscheidenden Teil dazu beitragen und darauf bin ich sehr stolz.

 

 

 

 

 

 

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