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Das Recht der Zukunft gestalten wir heute!

INTERVIEW mit Dr. Abir Haddad über das Recht der Zukunft, ihr selbst gegründetes Institut und ihr „Netzwerk multikultureller Jurist:innen“.

 

 

 

LL: Liebe Abir, in innovativen Jurist:innen-Kreisen gibt es wohl kaum Personen, die dich nicht kennen oder deinen Namen nicht zumindest schon einmal gehört haben. Wir finden, dass auch Nichtjurist:innen wissen sollten, wer du bist und womit du dich beschäftigst! Könntest du dich kurz vorstellen und erklären, was du alles machst?

 

Abir: Vielen Dank. Das schmeichelt mir natürlich sehr. Ich selbst habe das nie so wahrgenommen. Freut mich aber jedenfalls, dass meine Themen auf solches Interesse stoßen.

 

Zu mir: Ich unterrichte an der juristischen Fakultät der Universität zu Köln im Schwerpunktbereich das moderne Recht arabischer Staaten, was auch wahnsinnig Spaß macht. An der Uni Köln habe ich auch meine rechtsvergleichende Promotion abgeschlossen. Dann berate ich ein Projekt bei den Vereinten Nationen zu innovativen Möglichkeiten der Rechtsgestaltung. Seit Anfang des Jahres arbeite ich hauptsächlich mit meinem wunderbaren Team an der Gründung des „Institute for Legal Transformation“.

 

 

LL: Wow! Du gründest also nun dein eigenes Institut. Was ist dort genau eure Aufgabe? Was ist deine Vision, die du damit verfolgst?

 

Abir: Im Institut beschäftigen wir uns mit den Herausforderungen der exponentiellen Technologien und der Klimakrise – sowohl für die Gesellschaft als auch im Umkehrschluss für das Recht und damit auch die Regulierung durch den Staat. Wir arbeiten sowohl wissenschaftlich als auch beratend.

 

Für Gewinn der wissenschaftlichen Erkenntnisse habe ich eine Methode entwickelt, in der ich sowohl Elemente der rechtsvergleichenden Methodik kombiniere, als auch mit „foresight thinking“. Foresight thinking ist eine Möglichkeit, die sich Firmen zunutze machen können, um zukunftsrelevante Produkte zu entwickeln, indem sie sich damit beschäftigen, wie es in der Zukunft sein wird.

 

Außerdem bieten wir Gutachten und Workshops zu Legal Innovation an oder organisieren Expertengespräche. Als Nächstes organisieren wir mit Namensaktien Kooperationspartnern im Ausland Konferenzen und Fortbildungen zur Regulierung von virtual assets.

 

 

„Ich fand die Juristische Landschaft schon immer zu monoton und homogen. Ich habe kaum Juristen mit langen Haaren gesehen oder Juristinnen die sich bunt gekleidet haben – geschweige denn Menschen mit einem sog. Migrationshintergrund.“

 

 

LL: Zudem hast du auch noch das „Netzwerk multikultureller Jurist:innen“ gegründet. Wie kam es dazu? Welche Probleme möchtest du damit lösen?

 

Abir: Ja das Netzwerk ist ein absolutes Herzensprojekt. Ich fand die Juristische Landschaft schon immer zu monoton und homogen. Ich habe kaum Juristen mit langen Haaren gesehen oder Juristinnen die sich bunt gekleidet haben – geschweige denn Menschen mit einem sog. Migrationshintergrund.

 

Deshalb fiel es mir auch schon immer sehr schwer, irgendeinen Job anzunehmen und mich anzupassen – geht ja bei meiner Persönlichkeit auch irgendwie nicht auf Dauer gut. Ich wollte mich mit Anderen, denen es genauso geht, austauschen, habe aber nichts gefunden. Also musste ich selbst ran.

 

Daher habe ich bei einem Event einfach ausgerufen, dass ich dieses Netzwerk gründen möchte. Daraufhin haben sich viele bei mir gemeldet. Meine mittlerweile Co-Vorsitzende Elif Wang und ich kamen so zusammen und haben gemeinsam das Ganze ins Rollen gebracht. So kamen immer mehr Juristinnen und Juristen zusammen, die sich als multikulturell verstehen und wir gründeten den Verein.

 

Der Verein soll eine Plattform für multikulturelle Juristinnen und Juristen bieten, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen, weil ihnen der hier ansässige Stammbaum fehlt, den viele andere haben. Wir organisieren regelmäßig Veranstaltungen und Netzwerk Events. Mittlerweile sind wir sehr gewachsen und das Interesse ist nach wie vor sehr groß. Das Gefühl, in diesem harten Studium und der Berufswelt nicht allein zu sein, ist eigentlich der größte Gewinn des Austausches.

 

 

LL: Wir sind begeisterte Follower:innen von dir – auch auf Instagram! Dort sprichst du ab und an auch einmal über dein „Impostor-Syndrom“. Was ist das eigentlich, wie gehst du damit um und was würdest du anderen Menschen raten, die daran leiden?

 

Abir: Oh je, dieses einen ewig begleitende Thema. Mit dem Imposter-Syndrom wird der emotionale Zustand bezeichnet, in dem eine Person das Gefühl hat, die Erfolge nicht verdient zu haben. Bei mir kommt das natürlich daher, dass mir sowohl auf dem Gymnasium als auch im Studium das Gefühl vermittelt wurde: „Du gehörst hier gar nicht her“ und „Wie hast du es denn hierher geschafft?“. Es fehlte einfach an Vorbilder.

 

Irgendwann entwickelt man/frau dieses Gefühl, als ob die Erfolge gar nicht verdient sein können und man/frau alle um sich herum getäuscht hat und es irgendwann auch auffliegen wird. Du glaubst dann: Irgendwann werden alle merken, dass ich eigentlich kein Deutsch kann, dumm bin, keine gute Juristin bin, ……. – Das kannst du beliebig ersetzen.

 

Anderen, die dieses Problem auch haben, kann ich nur raten, tief in sich zu horchen und dieser Stimme erstmal zuzuhören und wahrzunehmen. Im nächsten Schritt sollte man dann versuchen, herauszufinden, woher dieser Eindruck des „Betrüger- Seins“ kommt. Aus welcher Erfahrung aus der Kindheit, Schulzeit oder Elternhaus? Und dieses dann auch erstmal wahrnehmen und akzeptieren. Und jetzt kommt mein absoluter Killer-Tipp: Höre auf diejenigen die an dich glauben und nicht auf die Stimme in deinem Kopf. Oh mein Gott, ich könnte noch stundenlang darüber reden, aber belasse es hierbei.

 

 

„Das Gefühl, in diesem harten Studium und der Berufswelt nicht allein zu sein, ist eigentlich der größte Gewinn des Austausches.“

 

 

LL: Liebe Abir, wir finden, dass die Rechtsbranche unbedingt mehr Persönlichkeiten wie dich braucht! Wenn du 3 Wünsche für die Juristerei frei hättest, welche wären das?

 

Abir: Coole Frage. Ich würde mir wünschen,…

 

  1. Dass die beiden nervenaufreibenden und unmenschlichen Staatsexamina abgeschafft werden, weil sie allein auf die Fähigkeit abzielen, in einer absoluten Stresssituation ad hoc gespeichertes Wissen abzurufen ohne Hilfsmittel. Das können wir mit Hilfe von künstlicher Intelligenz mittlerweile viel besser. Für traumatisierte Menschen die Prüfungsangst haben, ist es eine pure Quälerei die keineswegs die Kompetenz als Jurist*in widerspiegelt.

 

  1. Dass die Juristerei bunter wird – in vielerlei Hinsicht. Damit meine ich nicht nur Vielfalt der Hautfarben und Geschlechter, sondern auch der Mindsets – das ist viel wichtiger.

 

  1. Dass viel mehr darüber gesprochen wird, dass das Recht nur existiert, weil wir uns darauf geeinigt haben, dass es in dieser Form existieren soll. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass es auch sehr flexibel sein kann, sobald sich die dahinterstehenden Werte ändern. Diese Erkenntnis würde uns erlauben schneller innovative und neue Lösungen für Rechtsprobleme zu finden.

 

 

„Ich würde mir wünschen, […] dass viel mehr darüber gesprochen wird, dass das Recht nur existiert, weil wir uns darauf geeinigt haben, dass es in dieser Form existieren soll. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass es auch sehr flexibel sein kann, sobald sich die dahinterstehenden Werte ändern.“

 

 

LL: Hast du einen Tipp oder eine „Lebensphilosophie“, die du unseren Leser:innen gerne mitgeben würdest?

 

Abir: Davon habe ich sehr viele. Zum Beispiel, dass gesetzliche oder gesellschaftliche Normen nur zeitweise gültig und damit auch nur zeitweise relevant sind. Sie ändern sich ständig im Laufe der Geschichte – das ist auch der Ausgangspunkt unseres Institute for Legal Transformation.

 

Für das eigene Leben bedeutet es Folgendes: Nur weil Gesellschaft, Umfeld oder auch Gesetze etwas vorschreiben, muss es nicht richtig sein, wenn es sich für dich schlecht anfühlt. Was heute richtig ist, kann morgen falsch sein – und umgekehrt.

 

Deshalb versuche ich die Normen für die Zukunft zu beeinflussen, um eine Welt zu kreieren, in der ich leben möchte.

 

 

LL: Vielen lieben Dank für deine Zeit und das tolle Interview, liebe Abir! Wir wollten an dieser Stelle noch einmal loswerden, dass du ein absolutes Role-Model für alle Menschen bist, die einen Weg dafür suchen, Persönlichkeit und Kompetenz miteinander zu vereinbaren! Wir wünschen dir von ganzem Herzen noch viel Erfolg, bei allem, was du vorhast!

 

 

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