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Der Zugang zum Recht ist eine Frage des Designs

INTERVIEW mit unserer Co-Chefredakteurin Lina Krawietz über ihre Arbeit als Legal Designerin, über die Notwendigkeit, das Recht zugänglicher zu gestalten und mit welchen Ansätzen das gelingen kann.
LL: Lina, Du bist „Legal Designerin“ – was bedeutet das genau?

LK: Neben Jura habe ich auch „Design Thinking“ studiert. Das ist ein Innovationsansatz, der sich an der Art und Weise wie Designer arbeiten orientiert, um nutzerfreundliche Lösungen für komplexe Probleme jeder Art zu entwickeln. Dabei stehen die Bedürfnisse der Menschen, für die eine Lösung entstehen soll, immer im Mittelpunkt. Als sogenannte „Legal Designerin“ nutze ich diesen menschzentrierten Ansatz, um juristische Dienstleistungen, Prozesse und Produkte möglichst verständlich, nützlich und angenehm zu gestalten. Diese Herangehensweise ist für viele Jurist:innen alles andere als selbstverständlich. Darum habe ich 2018, gemeinsam mit Alisha Andert und Joaquín Santuber, This is Legal Design gegründet – eine auf den Rechtsbereich spezialisierte Innovationsberatung. Da “Legal Design” noch eine sehr junge Disziplin ist, sind wir auch als Think Tank tätig, mit dem wir die Anwendungsmöglichkeiten von Innovationsmethoden für den Rechtsbereich wissenschaftlich erforschen und in Zusammenarbeit mit Experten aus aller Welt weiterentwickeln.

 

LL: Wo siehst du im Rechtsbereich besonderen Innovations- und Handlungsbedarf?

LK: Da weiß ich ehrlich gesagt kaum, wo ich anfangen soll (lacht). Betrachten wir die Problematik mal aus Alltags- und Laienperspektive: Jeden Tag werden unzählige Formulare ausgefüllt und Verträge unterschrieben, ohne dass deren Inhalt und Bedeutung wirklich verstanden wurde. Von zahlreichen bestehenden Rechten wird kein Gebrauch gemacht, weil die Verfahren zu kompliziert sind oder man gar nicht weiß, dass man diese Rechte überhaupt hat. Bei Steuerangelegenheiten kommen wir kollektiv ins Schwitzen.

 

Um missverstandenes Recht entbrennen Debatten, die unsere Gesellschaft spalten und viele Menschen gehen lieber zum Zahnarzt als in Ernstfällen einen Anwalt aufzusuchen. Das muss sich ändern! Der Zugang zum Recht ist dabei nicht nur auf sprachlicher Ebene zu verbessern, sondern insgesamt eine Frage des Designs. Die Berührungspunkte, die Menschen mit dem Recht haben, müssen als ganzheitliche Erfahrung verstanden und neu gestaltet werden.

 

„Um missverstandenes Recht entbrennen Debatten, die unsere Gesellschaft spalten und viele Menschen gehen lieber zum Zahnarzt als in Ernstfällen einen Anwalt aufzusuchen. Das muss sich ändern!“

 

LL: Was bedeutet es, Menschen in den Mittelpunkt von Innovationsvorhaben zu stellen? Wie darf man sich das vorstellen?

LK: Die meisten Probleme entstehen dort, wo die Bedürfnisse der späteren Nutzer:innen einer Lösung nicht hinreichend berücksichtigt werden (sog. Nutzerbedürfnisse). Um das zu vermeiden, sieht der menschzentrierte Designansatz vor, dass diejenigen, für die eine Lösung mit rechtlichem Bezug gestaltet werden soll – wie etwa ein juristisches Dokument, ein behördlicher Ablauf oder ein Rechtsinformations-Online-Tool – von Anfang an mit einbezogen werden. Dabei versucht man mit Hilfe verschiedener Methoden herauszufinden, welche Ängste, Sorgen, Wünsche, Ziele, Erwartungen und Gewohnheiten Nutzer:innen in Bezug auf die jeweilige Situation haben.

 

Das gelingt z. B. durch qualitative Interviews oder indem man die Tauglichkeit von Ideen in Form von einfachen Prototypen an ihnen testet. Man kann die Leute aber auch noch stärker einbinden, indem man sie zu einem festen Teil des Design-Teams macht. Diesen Ansatz nennt man partizipatives Design. Das Wort „partizipativ“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „durch Beteiligung bestimmt“. Für Jurist:innen ist diese Vorgehensweise oft befremdlich, da sie doch gerade für ihr exklusives Herrschaftswissen bezahlt werden. Mandant:innen, Bürger:innen, Kolleg:innen und überhaupt Menschen ohne juristischen Hintergrund in die Entwicklung ihrer Leistungen mit einzubeziehen, bedeutet jedoch, einzugestehen, dass man eben nicht alles weiß. Es ist aber so: Experti:innen für ihre Bedürfnisse sind vor allem die Nutzer:innen selbst.

 

LL: Mit „Legal Layman“ starten wir ja nun ein Projekt, bei dem es darum geht, juristischen Laien juristische Themen näher zu bringen. Welche Erwartungen verknüpfst Du damit? Was ist Dir als Co-Chefredakteurin aber auch als Legal Designerin besonders wichtig?

LK: Zum einen hoffe ich, dass wir mit „Legal Layman“ möglichst viele Menschen erreichen und dazu beitragen können, dass sie die für sie relevanten juristischen Zusammenhänge besser verstehen. Dass wir ihnen Sorgen nehmen, ein Gefühl der Sicherheit geben, aufklären, weiterführendes Interesse wecken und vielleicht sogar zum Mitwirken an der Entwicklung von neuen juristischen Lösungen inspirieren.

 

Darüber hinaus hoffe ich, dass wir gemeinsam mit unseren progressiven Autor:innen als eine Art Kollektiv wahrgenommen werden, das sich aktiv für eine menschzentriertere und nutzerfreundlichere Rechtsbranche einsetzt. Eine Gruppe, der sich hoffentlich viele weitere talentierte Jurist:innen anschließen möchten. Meine mittel- bis langfristige Vision für „Legal Layman“ ist, dass wir es schaffen, neue Standards setzen. Einerseits hinsichtlich der Art und Weise wie wir juristische Informationen zugänglich machen. Andererseits durch unseren eigenen menschzentrierten Entwicklungsansatz, die Zeitschrift an den Bedürfnissen unserer eigenen Nutzer:innen entlang weiter zu entwickeln. Ich bin daher sehr gespannt auf die Reaktionen und das Feedback unserer Leser:innen zu unserem ersten Prototyp: Legal Layman – Ausgabe Nr. 1.

 

„Für Jurist:innen ist diese Vorgehensweise oft befremdlich, da sie doch gerade für ihr exklusives Herrschaftswissen bezahlt werden. […] Menschen ohne juristischen Hintergrund in die Entwicklung ihrer Leistungen mit einzubeziehen, bedeutet jedoch, einzugestehen, dass man eben nicht alles weiß. Es ist aber so: Experti:innen für ihre Bedürfnisse sind vor allem die Nutzer:innen selbst.“

 

LL: Darauf freuen wir uns alle sehr! Vielen Dank für das Interview, liebe Lina.

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