1 JAHR LEGAL LAYMAN – EIN KLEINES RESÜMEE

 

Normalerweise weiß ich nie, worüber ich meine Kolumne schreiben soll. Diesmal wusste ich es schon Monate im Voraus. Es gibt so viel, das ich gerne einmal ansprechen oder thematisieren würde. Von all den verrückten Dingen, die im letzten Jahr so passiert sind.

 

LEGAL LAYMAN startete irgendwie als spontane Idee beim Putzen. Das tu‘ ich immer, wenn ich mich abreagieren will. Ich hatte mich mal wieder über irgendwelche Kommentare in Social Media aufgeregt, in denen propagiert wurde, man dürfe Grundrechte ja auf gar keinen Fall einschränken. Mh, klar.

 

Ich dachte mir daraufhin „Wieso gibt es denn kein Format, das solche komplexen Themen auch einmal einfach und verständlich erklärt, sodass es wirklich alle verstehen können?“. Ich recherchierte und fand… nichts. „Na toll, Anna. Dann musst du wohl selbst ran.“ Ein paar Stunden später hatte ich schon den Namen, das Konzept und ein Team dazu.

 

Ich bin davon ausgegangen, dass das sowieso kein Mensch lesen wird. Also bin ich bzw. sind wir auch mit einer schon unvernünftigen Leichtigkeit an die Sache herangegangen.

 

Ganz zu unserem Erschrecken haben das nicht „nur ein paar Leute oder vielleicht sogar niemand“ gelesen. Sondern viele. Sehr viele. Nachdem Justin (unser IT-Experte) damals das erste Mal Google Analytics ausgecheckt hatte, meinte er zu mir: „Ganz ehrlich, Anna. Bill Gates und alle anderen in diesem Bereich brauchen den Leuten gar keine Chips zu implantieren. Die wissen auch so schon alles.“

 

Wir konnten es also selbst nicht fassen, welche Wellen unsere „Schnapsidee-Zeitschrift“ geschlagen hatte. Hätten wir das vorher gewusst, wären wir sicherlich nicht mit so einer Leichtigkeit rangegangen. Aber genau das war vermutlich gerade gut so. Wir haben so viele Nachrichten erhalten, die nicht nur die Idee an sich, sondern auch die Umsetzung gelobt haben. Dem Auge würde nie langweilig werden – und genau das wollten wir hören! Ich erinnere mich auch noch genau an eine Nachricht einer jungen Frau, die uns Folgendes schrieb: „Hey liebes Legal Layman Team. Ich wollte euch nur mal sagen, dass ich als zukünftige Steuerberaterin gerade in meinen Examensvorbereitungen stecke und dachte, dass ein Artikel ganz interessant sein könnte. Ich habe mir letztendlich die KOMPLETTE Zeitschrift vom ersten bis zum letzten Satz durchgelesen und danke euch so sehr für dieses Format. Bitte macht genau so weiter.“ – Wow! Das war wohl das schönste Kompliment, das wir uns hätten vorstellen können. In solchen Momenten weiß man, wofür man so viel Zeit und Mühen investiert.

 

Und als ob das nicht schon genug wäre, wurden wir auch noch als „innovativ“ bezeichnet. Ich meine?!! Hä? Wenn das als innovativ bezeichnet wird, ist das eigentlich schon wirklich traurig. Denn es sollte eigentlich schon längst Formate geben, die auch Nichtjurist:innen daran teilhaben lassen, was in der Rechtsbranche so los ist. Immerhin betrifft das Recht ja auch jeden von uns. Jeden Tag. Mehrmals. Egal, ob wir das wollen oder nicht. Und auch egal, ob wir uns dessen überhaupt bewusst sind oder nicht.

 

 

Wir konnten selbst nicht fassen, welche Wellen unsere „Schnapsidee-Zeitschrift“ geschlagen hatte.

 

 

Aber genug von meiner Einstellung. Die kennt ihr vermutlich ja bereits. Und stattdessen weiter zu den Erfahrungen, die ich im letzten Jahr so sammeln durfte.

 

Ich bin wirklich überwältigt. Einerseits von meinen eigenen, naiven Vorurteilen, andererseits davon, wie schnell sie allesamt zunichte gemacht wurden. Ich dachte damals selbst, dass Jurist:innen eher konservativ, etwas überheblich und ziemlich grau sind. Doch das Gegenteil wurde bewiesen. Und wird mir auch immer wieder erneut bewiesen.

 

Anfangs dachten wir, dass es nicht lange dauern würde, bis eine Petition gegen unser Format gestartet wird. Rechtliche Themen einfach erklären? Spinnt ihr?! Doch das war keineswegs so. Wir haben so viele Anfragen von wirklich erstklassigen Jurist:innen bekommen, die gerne einen Beitrag für unsere Zeitschrift schreiben wollten. Teilweise hatten sich genau diese Personen sogar schon vorab mit einem „Entwurf“ bei uns „beworben“. Das muss man sich also mal vorstellen: da gibt es wirklich enorm vielbeschäftigte und erfolgreiche Jurist:innen, die sich die (Frei-) Zeit nehmen, um erst mal einen kompletten Artikel zu ihrem Thema zu entwerfen, ihn uns auf-gut-Glück zuschicken und dazu noch einen Text anhängen, wie begeistert sie von unserem Format sind, sie unsere Einstellung aus Grund X, Y und Z teilen und sie deshalb hoffen, dass wir einen Platz für sie finden würden. Damit hätten wir nicht gerechnet. Niemals.

 

Doch damit nicht genug. Bis auf 1–2 Ausnahmen, die es ja aber irgendwie immer geben muss, waren alle Autor:innen so unfassbar sympathisch, bodenständig und einfach kein bisschen arrogant. Duzen? Kein Problem. Auf unsere Wünsche eingehen? Ist doch klar. Telefonate, die weit über den Artikel hinausgingen? Selbstverständlich! Ich bin wirklich unbeschreiblich dankbar dafür, mit wie vielen absolut coolen Menschen ich dadurch in Kontakt kommen durfte.

 

Und sogar das kann man noch toppen. Abgesehen von den Anfragen und den Themenabsprachen hatten wir in der Redaktion persönlich den wohl größten, emotionalen Stress, wenn wir Beitrage (trotz aller Bemühungen) schonungslos redigiert haben und dann um Freigabe bitten mussten. Und das waren nicht nur irgendwelche Verbesserungen, sondern teilweise haben wir wirklich knallhart ganze Sätze weggelassen, vereinfacht oder umgestellt. Wir haben eigentlich nur darauf gewartet, bis irgendwann mal ein:e Autor:in sinngemäß sagt: „Steckt euch meinen Beitrag sonst wohin. Ich bin raus.“ Doch tatsächlich kam das nie vor. Sondern das Gegenteil war der Fall: Die Autor:innen waren meist sogar begeistert und dankbar für unsere Verbesserungsvorschläge. Wow.

 

Und als ob auch das nicht auch schon ausreichen würde, hatten wir so viele Autor:innen, die uns angeboten hatten, jederzeit gerne wieder für uns zu schreiben. Einfach, weil sie es für sich total inspirierend fanden, sich mal so einem „Down-Sizing“-Programm zu unterziehen und das mal echt gut tat.

 

Ich kann also wirklich nicht mit bloßen Worten beschreiben, wie sehr diese zwischenmenschlichen Kontakte nicht nur mein Bild von Jurist:innen, sondern sogar mein Weltbild verändert haben. Denn mittlerweile bin ich nicht nur absolut von dem Vorurteil des klassischen, juristischen Stereotypen abgewichen, sondern bin auch fest der Überzeugung, dass man sich einfach nur trauen muss, Plattformen zu schaffen, um genau die Personen kennenzulernen, die man kennenlernen will und auch muss.

 

Und nicht nur wegen der Resonanz von Leser:innen oder Autor:innen, sondern generell, haben wir bemerkt, dass wir uns irgendwie mehr oder weniger unbewusst auf ein Thema fokussiert haben, das benötigt wird. Deshalb sind wir auch ab sofort nicht mehr „nur“ eine juristische Zeitschrift für Nichtjurist:innen, sondern machen Jura für Nichtjurist:innen – durch die Kommunikation von Recht.

 

Ich erinnere mich auch noch ganz genau, als ich mich das allererste Mal mit Justin zusammengesetzt hatte, als die Idee von LL aufkam. Er meinte damals, dass das ja irgendwann sogar mal in einem Unternehmen münden könnte. Ich war damals absolut schockiert (!) und meinte „Niemals gebe ich mich als Solo-Selbstständige-Anna Murk auf. Bist du wahnsinnig!? Das habe ich mir so hart erarbeitet. Lass erst mal ein Ding nach dem nächsten machen. Aber hoffe bitte auf gar keinen Fall darauf.“ – und BÄÄÄM! Es ist passiert. Ich gebe mich nun also tatsächlich als „Anna Murk“ zugunsten von LEGAL LAYMAN auf – und das Verrückteste: Es war letztendlich sogar meine Initiative. Und ich könnte nicht glücklicher mit dieser Entscheidung sein. Sagt also wirklich niemals „nie“! An dieser Stelle nochmal: Sorry, Justin.

 

 

Man denkt irgendwie viel zu oft an all die Dinge, die schieflaufen könnten. Aber alles, was schieflaufen könnte, könnte genauso ja auch gut gehen.

 

 

Man denkt irgendwie viel zu oft an all die Dinge, die schieflaufen könnten. Aber alles, was schieflaufen könnte, könnte genauso ja auch gut gehen. Das habe ich durch LL begriffen. Und nicht nur das, sondern auch, dass man sich nicht vorher allzu sehr darauf versteifen sollte, wie der Weg einer Idee auszusehen hat. Alle, die akribische Business-Pläne schreiben: Sorry dafür. Aber das Schönste ist doch, flexibel bleiben und unvoreingenommen reagieren zu können – für all die Dinge, die man eben ausnahmsweise mal nicht vorhersehen kann und sich auch absolut komplett von den anfänglichen Erwartungen abheben.

 

Naja, um all das mal zusammenfassen: Ich hatte mir anfangs bei der Idee von LL irgendwie gar nicht viel gedacht. Als ich aber dann das Denken angefangen hatte, habe ich Angst bekommen. Was werden die Leute sagen? Machen wir das alles überhaupt richtig? Sind wir wirklich bereit dafür? uvm. Doch all das war komplett unberechtigt und ich hätte mir so viele Sorgen und auch Zeit ersparen können. Alleine schon bei meinen Kolumnen, die ich ca. 4x neu geschrieben habe und am Ende immer noch nicht zufrieden damit war. Der Perfektionismus und ich haben und mittlerweile getrennt, denn er kostet mir zu viel Zeit und zu viele Nerven. Und eigentlich geht es ja meistens auch gar nicht darum, etwas wirklich perfekt machen zu wollen. Sondern darum, keine Angriffsfläche für Kritik zu bieten. Man investiert seine Energie jedoch sehr viel sinnvoller, indem man lernt, mit Kritik umzugehen, anstatt sie permanent vermeiden zu wollen.

 

Für mich persönlich war das letzte Jahr mit LEGAL LAYMAN ein enormer Sprung, den ich da irgendwie hinbekommen habe, weil ich ihn auch einfach hinbekommen musste. Und dennoch werde ich auch nach einem Jahr immer noch nicht das Gefühl los, erst noch in diese selbstgeschaffene Aufgabe hineinwachsen zu müssen. Aber genau das ist das, was ich mittlerweile lieben gelernt habe: Man wächst, weil man gar keine andere Wahl hat. Mittlerweile kann ich über die Dinge lachen, die mir vor einem Jahr noch Bauchschmerzen bereitet hatten. Und ich bin jetzt schon gespannt und freue mich aufrichtig darauf, worüber ich in einem Jahr lachen werde. Ich halte euch auf dem Laufenden.

 

Kolumne Anna_white

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